PunchStorys

 

Befreiungsschlag

Befriedigt legte der Kasper seinen Prügel beiseite. Endlich hatte er den Mut gefunden und dem Typen, der vor jeder Aufführung so penetrant die Glocke schellte, stumpf was vors Maul gehauen. Nie wieder würde er ihn fragen lassen „Seid ihr alle da?“, nie wieder würde das degenerierte Publikum hysterisch mit „Ja!“ antworten. Nie wieder. Wäre seine Mütze nicht an seinem Kopf festgetackert gewesen, hätte er sie jetzt abgenommen und sich zufrieden durchs Haar gestrichen.       

 

Rückgrat zeigen

Als er seinen Prügel auf den Kopf des Königs drosch, hörte er den Finger brechen, der in dem windelweichen Schädel steckte. Recht so, dachte sich der Kasper, und prügelte gleich weiter auf den Typen ein, der dem König seine Hand von hinten hineingeschoben hatte. Wer der Obrigkeit Rückgrat gibt, gehört verdroschen, fand der Kasper. 

 

Denunziation

„Hinter dem Baum! Hinter dem Baum!“ brüllte das Publikum aufgeregt. Denunziantenpack, dachte sich der Kasper während er hinter dem Baum den Räuber ordentlich verprügelte. Anschließend entleerte er die Trommel des Revolvers, den er dem Räuber abgenommen hatte, wahllos um sich schießend ins Publikum.

 

 

Nachsatz

Historisch betrachtet, war der Kasper keineswegs das pädagogisch einwandfreie Vorbild wie es das kindergartengerechte Puppenspiel oder die polizeiliche Verkehrserziehung glauben machen möchte. Bevor das Bildungsbürgertum sich seiner bemächtigte und für seine pädagogischen Zwecke missbrauchte, war der Kasper ein verschlagener, trinklustiger Nichtstuer und Possenreißer, jemand, der auf den Handpuppenbühnen der Jahrmärkte das aussprach, was sich das Volk nicht zu sagen traute. Mitte des 17. Jahrhunderts war der Kasper im deutschsprachigen Raum ein respektloser Anarchist, der die Obrigkeit nicht nur in kurzen Dialogen bloßstellte und verspottete, sondern - zur Gaudi der Zuschauer - die Autoritäten wie den König oder den Polizisten auch noch verprügelte. Heute wäre der historische Kasper vermutlich ein politischer Kabarettist des einfachen Volkes. Immerhin verbot Fürst Metternich den Kasperbühnen wegen ihrer politischen Wirkung im Jahr 1838 kurzfristig das Sprechen. Naja, blieb ja noch das Prügeln...

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